Verein

Der Zweck des IVA besteht in der Wahrung der Interessen von Industrien, Handelsgeschäften, Banken und anderen Mitgliedern der Thurgauer Handelskammer aus der Gemeinde Amriswil und Umgebung; darüber hinaus in der Schaffung guter persönlicher Beziehungen unter den Vereinsmitgliedern.

Die Entwicklung des Industrievereins Amriswil

Die Jahrzehnte am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren gekennzeichnet durch ein stetiges Wachstum der Wirtschaft, im wesentlich verursacht durch einen massiven Anstieg der Exporte, der Verbesserung der Verkehrsbedingungen und durch die Elektrifizierung. Die industrielle Revolution war in vollem Gang, die Technik erhielt immer wieder neue Impulse durch Erfindungen.

Zu jenen Zeiten bestand in Amriswil kaum Industrie im heutigen Sinn, ausser zwei Betriebe der Stickerei, die von St. Gallen aus beherrscht wurden. Sonst waren es einige Trikotbetriebe, eine Kleider- und eine Schuhfabrik. Es waren dies ausnahmslos Familienbetriebe. Sie entstanden dank dem Wagemut der Gründer, die ihre Betriebe mit bescheidenem Sparkapitalien begannen. Vergrösserung und Ausweitungen wurden durch Selbstfinanzierung betrieben. Die Besitzer nannten sich Fabrikanten, und so wurde um 1911 die „Vereinigung der Fabrikanten von Amriswil und Umgebung“ gegründet.

Anfänglich war dies eine reine und typische Arbeitgebervereinigung, die vor allem dann funktionierte, wenn die Beziehungen zur Arbeitnehmerschaft zu regeln und zu klären waren. In solchen Momenten suchte der Arbeitgeber, der sonst primär Unabhängigkeit und Freiheit schätzte, Schulterschluss und Rat bei seinen Kollegen. Im Übrigen waren es oft lokale Verkehrsprobleme (Gestaltung des SBB Fahrplans), die von den Fabrikanten ein geschlossenes Vorgehen erforderten. Handelspolitische Fragen wurden offenbar selten besprochen oder dann an die thurgauische Handelskammer delegiert. Allerdings bildeten örtliche Industrievereine die Basis von grösseren Organisationen und Machtgebilden, die auf kantonaler und eidgenössischer Ebene agierten und dort ein wichtiges Wort in der Politik mitsprachen.

Nicht zu übersehen ist aber auch, dass wegen des Übergewichtes der Textil- und Bekleidungsindustrie die Mitglieder der Arbeitgebervereinigung einander auch als Konkurrenten gegenüber standen, wenn es sich um Anwerbung von Arbeitskräften handelte. 1912 fand eine dritte Zusammenkunft statt: „Total 16 Interessenten, 8 sind anwesend, entschuldigt 1, unentschuldigt 7“.

Der erste Weltkrieg 1914 stellte ungewohnte Probleme. Die ganze Armee war eingezogen, die Betriebe mussten die Arbeitszeit auf die Hälfte reduzieren. Probleme waren die Wehrmannsentschädigung (anfänglich wurden nur den Angestellten 50 % zugebilligt), Teuerungsausleich, Lohnerhöhungen, der freie Samstagnachmittag wurde gefordert, die Abwerbung von Arbeitskräften.

Die Lohnsätze auf dem Platz Amriswil bei Kriegsende:

 

Taglohn

Stundenlohn

Aus der Schule kommenden Mädchen

2,00 Fr.

22 Rp.

Aus der Schule kommenden Knaben

2,30 Fr.

22 Rp.

Ungelernte Anfängerinnen

2,50 Fr.

27 Rp.

Schifflifüllerinnen, Spuler, Spulerinnen

2,90 Fr.

31 Rp.

Näherinnen, Repassiererinnen, Nachstickerinnen,
Zuschneiderinnen,, Büglerinnen, gelernte Nach-
Stickerinnen auf Pantograph

4,20 Fr.

45 Rp.

Nachseherinnen Automat

4.65 Fr.

50 Rp.

Zuschneider, Rundstuhlarbeiter

6,55 Fr.

70 Rp.

Sticker, Stanzer, Maschinenarbeiter 
(Schuhfabrik) Schneider, Mechaniker

7,50 Fr.

80 Rp.

Bei Kriegsende herrschten Verhältnisse, (die Arbeitnehmer erlitten durch den Krieg eine Reallohneinbusse von ca. einem Drittel) die durch die Unversöhnlichkeit der beiden Parteien Spannungen auslösten, die gesamtschweizerisch und in Amriswil Streiks bewirkten. Diese ergaben Verbesserungen in materieller und sozialer Hinsicht, es wurde auch über die Einführung der 48 Stunden Woche diskutiert.

Die Zwischenkriegszeit war geprägt durch eine anfänglich florierende Geschäftstätigkeit, bald darauf wurde jedoch die Wirtschaft der Ostschweiz durch den Niedergang der Stickerei aufs schwerste erschüttert. In Amriswil jedoch entwickelten sich die Trikotfirmen durch aktiven Export, die kleineren Stickereien und Zulieferbetriebe stellten sich teilweise auf andere Tätigkeiten um.

1920 betrug die Mitgliederzahl ca. 40 Firmen und Einzelpersonen, 1925 wird die Vereinigung in „Industrieverein Amriswil“ umbenannt.

1929 geht England vom Goldstandard ab, sperrt seine Grenzen: ein schwerer Schlag für die Trikotindustrie. Der New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 bewirkt eine weltweiten Wirtschaftskrise, die Arbeits-losigkeit steigt, die Kaufkraft des Geldes wird geschwächt. Erst die Frankenabwertung von 1936 um 30 % wird einen allmählichen Konjunkturaufschwung einleiten.

Der Industrieverein Amriswil hatte sich während diesen Krisenzeiten mit schweren und unbekannten Problemen auseinander zu setzen: Lohnreduktionen, Gründung einer paritätischen Arbeitslosenkasse, auch werden immer wieder Fahrplanfragen erörtert.

Der zweite Weltkrieg schuf neue Probleme: Rationierung von Lebensmittel und Textilien, Ausfall von männlichen Arbeitern durch den Aktivdienst, wie werden diese entschädigt, Militärersatzpflicht, drastische Massnahmen zur Einsparung von Energie, Einführung einer Preiskontrolle. 

Der Übergang von Kriegswirtschaft zur normalen verursachte kaum Probleme. Unmittelbar entwickelte sich eine rege Bautätigkeit, und ein Mangel an einheimischen Arbeitskräften machte sich bemerkbar. Damit begann der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften, der bis zum heutigen Zeitpunkt in Wirtschaft und Politik zu einem Dauerthema wurde. Die Sozialgesetzgebung wurde dauernd ausgeweitet: Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung, Gesamtarbeitsverträge.

Die sechziger Jahre waren ohne Zweifel die goldenen Zeiten für jeden Fabrikanten im Dorf. Was fabriziert werden konnte, konnte auch verkauft werden, der Handel zahlte die geforderten Preise. Die Betriebe arbeiteten mit Gewinn und konnten ansehnliche Reserven schaffen. Der Konkurrenzkampf fand auf dem Personalsektor statt, die Unternehmen wurden gezwungen, dauernd neue Leistungen anzubieten, wobei die Verfügbarkeit von Wohnraum eine wichtige Rolle spielte.

Die überbordende Wirtschaftsentwicklung wurde Ende der 1970er Jahre gestoppt, die Bautätigkeit und Konsumfreudigkeit gingen zurück. Amriswil wurde einige Jahre später besonders hart getroffen, denn fast die gesamte Trikot und Bekleidungsindustrie, einst das Paradepferd des Dorfes, wurde innert weniger Jahren zur Aufgabe gezwungen.

Diese Umstellungen wurden von der Industrie relativ gut bewältigt: die Arbeitslosenzahlen stiegen nur kurzfristig an, die Zahl der Beschäftigen im Dorf blieb stabil. Auch in dieser schwierigen Lage wurde dem Industrieverein wichtige Aufgaben zugeteilt: die seine Existenzberechtigung, wie schon seit Anfang des Jahrhunderts, aufs Neue bewies.

Robert Sallmann